Franchise-HistoryDie Geschichte des Franchisings wird in der Regel kurz abgehandelt. Oft wird dabei der Nähmaschinen-Pionier Albert Singer als erster kommerzieller Franchise-Geber genannt. Doch Vorstufen des Franchisings und franchise-ähnliche Modelle gab es früh und zahlreich. Michael H. Seid, Gründer und Geschäftsführer des Franchise-Beratungsunternehmens MSA Worldwide, hat nun die “Evolution des Franchisings” in einem ausführlichen Artikel genauer unter die Lupe genommen.

So sieht Seid beispielsweise franchise-ähnliche Beziehungen in den führen Jahren der Vereinigten Staaten bei Handlungsreisenden oder Lizenzen, die für Geschäfte an entlegenen Militärposten vergeben wurden. Als konstante Triebkräfte des Franchisings nennt Seid das Verlangen nach Expansion, den Mangel an Expansionskaptial und die Notwenigkeit, Entfernungen zu überwinden. Insofern könne die Anwendung der Franchise-Prinzipien bis zur Verbreitung der Kirche und den frühen Methoden zentraler Regierungsmacht zurückverfolgt werden, etwa im Römischen Reich. In China soll bereits 200 v. C. ein Geschäftsmann namens Lo Kass mehrere Verkaufseinheiten nach einem franchise-ähnlichen Modell geführt haben.

Franchising bedeutete bezahlte Freiheit

Auch auf das königliche “Franchising” in England und Europa, bei dem Einzelne ermächtigt wurden, gegen Gebühren über bestimmte Gebiete zu herrschen und im Gegenzug Steuern erheben zu dürfen, nennt Seid als Beispiel. Insgesamt weise das Feudalsystem durchaus Züge des Franchisings auf. Keine allzu fernliegende Interpretation: Das Wort “Franchise” bedeutete ursprünglich “Freiheit”. Im heutigen Sinne von Freiheit ist dies kaum zu verstehen. In Zeiten absoluter Herrscher bedeutete es jedoch Freiheit und ein Privileg, das Recht auf Handel, Produktion oder die Verwaltung von Gebieten zu erwerben – auch wenn für diese Freiheit Abgaben an den Herrscher bezahlt werden mussten. Bei der Erschließung der Neuen Welt und im Kolonialismus sind nach Ansicht Seids ebenfalls Franchise-Prinzipien angewendet worden.

Boom des kommerziellen Franchisings

Franchising als Geschäfts- bzw. Vertriebskonzept sei von England und Europa in die USA gebraucht worden, zunächst von Gastronomie- und Brauerei-Branche (Pachtwesen). Die ersten Non-Food-Franchise-Systeme wurden von Herstellern ins Leben gerufen, die Gebietslizenzen zum Verkauf ihrer Produkte und für die dazugehörigen Serviceleistungen vergaben. Als Beispiele nennt Seid die oben bereits erwähnte Singer Sewing Centers und die McCormack Harvesting Machine Company (1850/1860). Der erste Franchise-Geber in der Automobilbranche war General Motors (1898). Coca Cola begann bereits 1901 mit der Vergabe von Franchise-Lizenzen.

Eines der ersten amerikanischen Gastronomie-Franchise-Systeme im heutigen Sinn wurde mit einer neuen Geschäftsidee geboren. Mit der Ausbreitung des Automobils kam Roy Allen um das Jahr 1920 auf die Idee, Drive-ins zu errichten und verbreitete sein A&W Root Beer Konzept in Zusammenarbeit mit Franchise-Nehmern. Einer der ersten A&W-Franchise-Nehmer war J. Willard Marriot, Gründer der gleichnamigen Hotelkette. In den 30er-, 40er- und 50er-Jahren entstanden dann Unternehmen, die bis heute zu Gastronomie-Franchise-Riesen herangewachsen sind: z. B. Kentucky Fried Chicken (1930), Dunkin Donuts (1950), Burger King (1954) und McDonald’s (1955).

Veteranen Franchising

Was hierzulande wenig bekannt ist: Auch die US-Veteranen des 2. Weltkriegs trugen wesentlich zum Boom des Franchisings in den USA bei. Denn mit der sogenannten GI Bill aus dem Jahr 1944 wurde erstmals in der Geschichte der USA ein Gesetz erlassen, das die heimkehrenden Soldaten nicht nur unterstützte, sondern auch deren wirtschaftlichen Erfolg förderte. Dazu zählten vom Staat bezahlte Ausbildungsmaßnahmen, Arbeitslosengeld- und Mietzahlungen und günstige Kredite, mit denen Häuser gebaut oder auch Franchise-Partnerschaften finanziert wurden. Auch mit der Post-9/11 GI Bill aus dem Jahr 2001 wurde u. a. das Franchising gefördert. Zudem gibt es aktuell noch in einzelnen Bundesstaaten der USA Veteranen-Programme, die Franchise-Gründungen unterstützen. Obwohl auch in Deutschland immer mehr Soldaten von ihren Auslandseinsätzen zurück kehren und danach bekanntermaßen oft mit Schwierigkeiten kämpfen zu haben, gibt es hierzulande nach wie vor nicht einmal Ansätze der Franchise-Wirtschaft Veteranen zu fördern.

Der komplette englischsprachige Artikel “Where it all began. The Evolution of Franchising” kann hier nachgelesen werden.

Interessante Informationen zur Geschichte des Franchising liefert auch die Seite www.franchise-law.com.