Spätestens seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 neigen Terrorexperten und Journalisten dazu, das Terror-Netzwerk Al-Kaida mit einem Franchise-Unternehmen zu vergleichen. Inzwischen hat sich der Vergleich so stark verbreitet, dass Google bei den Suchbegriffen „Al-Kaida“ und „Franchise“ heute Millionen von Treffern liefert. Erst Anfang Mai wählte das Handelsblatt die Überschrift „Das Franchise-Unternehmen Al-Kaida“ für einen Artikel. Anlass, diesen Vergleich zu hinterfragen, scheint kein Journalist mehr zu sehen. Dabei zeugen die Gründe, die Journalisten und Terrorexperten für den Vergleich nennen, oft von Unkenntnis des Prinzips Franchising.

Auch wenn vielen diffus klar ist, was mit dem Vergleich gemeint ist, genügt schon ein kurzer analytischer Blick, um zu zeigen, warum das mit weitgehend unabhängigen Zellen operierende Terror-Netzwerk Al-Kaida sicherlich nicht einem Franchise-Unternehmen ähnelt. Denn Franchising ist per se als Vertriebssystem definiert, „durch das Waren und/oder Dienstleistungen und/oder Technologien vermarktet werden“ (Quelle: Deutscher Franchise-Verband). Es braucht nicht allzu viel Verstand, um zu erkennen, dass Terroranschläge, das „Produkt“ Al-Kaidas, nirgends auf der Welt Käufer finden werden. Einen Markt für Terroranschläge gibt es nicht. Und auch keine Kunden, die dafür bezahlen, sich von Fanatikern in die Luft sprengen zu lassen.

Sachlich falsche Begründungen

„Al-Qaida hat sich in ein Franchise wie McDonald’s verwandelt. Ein Wesen ohne Hierarchie und Befehlsstränge lässt sich nicht enthaupten“ schreibt die Zeit am 7.5.2011.  Ganz egal, welchen Teil der Begründung man in den Blick nimmt, kein einziger trifft auf Franchise-Systeme zu. Denn in jedem Franchise-System gibt es Hierarchien und Befehlsstränge, oder besser: Weisungsgebundenheiten. Und jedes Franchise-System lässt sich „enthaupten“, indem die Systemzentrale aufgelöst wird. Die Verbindung zwischen den Terrorzellen ist also ungleich loser als bei jedem Franchise-System. Bislang wurde auch nicht berichtet, dass Al-Kaida einen Terrorzellen-Beirat wählen lässt, Jahrestagungen veranstaltet oder transparente Kommunikation fördert. Gewählte Beiräte, Partnertreffen und die Förderung der offenen Kommuniaktion sind hingegen bei Franchise-Systemen die Regel. Genau die Aspekte Kommunikation und Transparenz verdeutlichen erneut, wie haltlos die Bezeichnung Al-Kaidas als Franchise-Unternehmen ist. Denn Franchise-Systeme operieren grundsätzlich nicht im Geheimen. Ein Vergleich mit Geheimdiensten, geheimen Einsatzkommandos, mafiösen Organisationen, Sekten oder zumindest illegal operierenden Firmengeflechten würde der Wahrheit hier weitaus näher kommen. Auch das Illegale ist ein zentrales Merkmal Al-Kaidas, keineswegs aber von Franchise-Systemen.

Zahlreiche unhaltbare Vergleiche

Es finden sich noch zahlreiche weitere Beispiele für unhaltbar begründete Vergleiche von Al-Kaida mit Franchise-Unternehmen. Das Hamburger Abendblatt schreibt am 3.5.2011: „Die einzelnen Gruppen vor Ort agierten weitgehend autonom, übernahmen nur die grobe ‚Geschäftsidee‘ – wie Franchise-Filialen.“ Wer nur ein wenig vom Franchising versteht, weiß, dass Franchise-Partner nie eine „grobe Geschäftsidee“ übernehmen, sondern in der Regel ein ausgefeiltes Geschäfstkonzept, dessen Umsetzung stets durch die Zentrale in allen wichtigen Aspekten kontrolliert bzw. gesichert wird.

Franchise-Nehmer machen nicht einfach „ihr Ding“

Die TAZ äußert in einem Artikel vom 2.5.2011: „Aber die Organisation [Al-Kaida] selbst war mehr ein Label geworden, dessen Wortführer keinen großen Einfluss mehr hatten. Al-Qaida wurde zu einem Franchise-Unternehmen, bei dem jede lokale Terrorgruppe oder -zelle ihr Ding machte.“ Auch hier hat die Begründung des Vergleichs nichts mit dem Franchising gemein: Denn Franchise-Partner agieren zwar als eigenständige Unternehmen, machen aber keineswegs einfach „ihr Ding“. Vielmehr sind ein einheitlicher Marktauftritt und durchgängige Qualitätssicherung an allen Standorten ein wichtiges Merkmal des Franchising.

Nicht jeder kann Franchise-Partner werden

Ebenfalls unhaltbar ist die Begründung des Vergleichs in einem Gastbeitrag in der Frankfurter Rundschau: „Al-Kaida ist seit Jahren so etwas wie ein Franchise-Unternehmen. Jeder kann sich ihm anschließen, wenn er nur irgendwo eine Bombe legt“ heißt es dort. Tatsache ist, dass sich Franchise-Systemen beileibe nicht jeder anschließen kann. Vielmehr gibt es jede Menge Einstiegshürden, die für eine Franchise-Partnerschaft zu überwinden sind, etwa bei der Finanzierung oder der Qualifikation. Zudem wird bei Franchise-Systemen mit dem Abschluss des Franchise-Vertrags eine Rechtsgrundlage für die Zusammenarbeit geschaffen, die bei Al-Kaida-Terrorzellen kaum gegeben ist.

Mangelnde Sachkenntnis, mangelnde Fairness

Wer im Internet nach Artikeln recherchiert, stößt auf eine Unmenge von ähnlichen haltlosen Vergleichen Al-Kaidas mit dem Franchising. Beliebt ist auch der Vergleich mit McDonald’s. Es bleibt der Eindruck, dass hier inzwischen ein zwar einprägsamer, sachlich aber falscher Vergleich nur noch nachgeplappert wird. Gerecht werden diese Vergleiche den rund 460.000 Mitarbeitern in der deutschen Franchise-Wirtschaft und den knapp tausend hierzulande aktiven Franchise-Systemen sicher nicht.

Auch eine Frage der Moral

Repräsentanten der Franchise-Wirtschaft sollten sich diesem Vergleich genauso vehement entgegenstellen wie dies unabhängige Zeitungen bei Vergleichen mit Propaganda-Blättern oder demokratisch gewählte Politiker beim Vergleich mit Diktatoren tun. Denn der Vergleich der seriösen Vertriebsform Franchising mit Al-Kaida ist nicht nur faktisch unhaltbar, sondern auch moralisch mehr als bedenklich. Auch Journalisten sollten sich fragen, ob dieser Vergleich der journalistische Sorgfaltspflicht gerecht wird. Der Deutschen Franchise-Verband gab zuletzt im Jahr 2003 eine entsprechende Stellungnahme ab. Es ist an der Zeit, hier erneut aktiv zu werden – national wie international -, um diesem unsinnigen Vergleich ein Ende zu setzen.

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